Besuchen Sie uns auf Facebook

"Man ist ein Schüler des Universums"

Seit über 40 Jahren arbeitet Paul Bolton, neuer Gastprofessor am MAP, als Physiker. Seine Begeisterung für Physik ist seitdem ungebrochen: es gibt keine Woche in seinem Leben, in der er nichts Neues lernt oder von neuen Ideen fasziniert ist.

Paul Bolton (Foto: Thorben Seggebrock)

Bevor er diesen Sommer nach München kam, hat er sieben Jahre in Japan verbracht als stellvertretender Generaldirektor des Kansai Photonic Science Instituts, das in einem Vorort der japanischen Stadt Kyoto liegt.

Als Gastprofessor gehört er zu Professor Katia Parodis Team und wird sein Wissen an der LMU weitergeben mit einer Vorlesung zum Thema „Integrated laser-driven ion accelerator systems (ILDIAS) and it’s applications“.

 

Professor Bolton, Sie haben die letzten sieben Jahre in Japan verbracht, was hat Sie bewegt, dorthin zu gehen?

Ganz klar die Möglichkeiten, die sich mir in Kyoto eröffnet haben: Sie waren dort auf der Suche nach jemandem, der sowohl Erfahrung mit Beschleunigern als auch mit Lasern hat und ich habe viele Jahre in beiden Bereichen verbracht. Es war die Chance Laser-Plasma-Physik und Hochleistungslaserphysik mit der Entwicklung neuartiger Ionenbeschleuniger zu kombinieren. Das hat mich wirklich angezogen.
Ich glaube, sie wollten auch einen ausländischen Wissenschaftler, der westlichen Einfluss in diese neuartige Position einbringt und diese Qualifikation hatte ich sicherlich, da der größte Teil meiner Karriere sich im Silicon Valley in Kalifornien abgespielt hat. Ich wusste allerdings nichts über die Japanische Kultur und Sprache. So bin ich in gewissen Sinne ins Unbekannte gegangen. Aber mich hat die technische und wissenschaftliche Seite angezogen. Ich wollte das sehr gern machen.

 

Hatten Sie mit kulturellen Unterschieden zu kämpfen?

Ich musste erst mal die Prioritätssetzung, die Vorlieben und die allgemeinen Prinzipien kennenlernen, nach denen sie Dinge machen oder auch nicht. Das zu Lernen war eine einzigartige Erfahrung für mich, die mir auch klare kulturelle Unterschiede aufgezeigt hat. Die Verwaltung dort ist sehr maßgeblich und man tendiert dazu, Verfahren starr zu folgen. Aus Höflichkeit haben meine japanischen Kollegen selten direkt etwas gesagt, wenn sie mit mir nicht einer Meinung waren oder mich nicht verstanden haben. Ich habe dann gelernt das zu interpretieren und mit diesem allgemeinen Verhalten umzugehen.

Haben Sie sich in Kyoto aufgehalten als das Atom-Unglück von Fukushima passierte?

Ja. Glücklicherweise waren wir ziemlich weit weg - ungefähr 600 km - von Tohoku, dem Gebiet, das am schlimmsten getroffen wurde. An dem Tag, an dem es passierte, haben wir nicht viel vom Erdbeben mitbekommen. Die Erde bewegte sich kaum in Kyoto. Die Auswirkungen waren für uns nicht erschütternd im Sinne von Erdbewegungen, sondern erschütternd im Sinne von Veränderungen und Neuausrichtung des Programms. Mein Institut ist Teil der Japanischen Atomenergie-Behörde, die sofort wichtige Verantwortlichkeiten in der Folge des Unfalls übernahm. Ich war der stellvertretende Direktor am KPSI, das bedeutete, dass ich als wissenschaftlicher Direktor regelmäßig Wissenschaftler beauftragte, in die Gegend von Tokyo zu gehen um bei der Strahlungsüberwachung zu assistieren.  Viele JAEA Standorte schickten Personal dorthin. Alle paar Wochen haben mindestens zwei Leute von meinem Institut eine ziemlich arbeitsreiche Woche in Tokyo verbracht. Das Ganze ging ungefähr anderthalb Jahre lang so.

 

Was sind Ihre Ziele hier in München?

Ich hab viel Zeit damit verbracht in verschiedenen (aber doch miteinander verbundenen) Gebieten zu arbeiten: Mikrowellen, Beschleuniger, Laser. Mein Hintergrund ist einzigartig in vielerlei Hinsicht: wenn man es zusammenzählt hab ich über 40 Jahre in der Arbeit mit Lasern verbracht, ungefähr 25 mit Beschleunigern und vielleicht 15 in denen mich mit der Kombination aus Lasern und Beschleunigern gearbeitet habe. Was mich hierher gebracht hat, ist ein starkes Interesse daran, lasergetriebene Beschleuniger zu bauen. Auf den ersten Blick gibt es jedenfalls einige Dinge, die ich hier tun kann. Eines ist, nachhaltig den Bau einer lasergetriebenen Maschine zu fördern, die für verschiedenste Anwendungen benutzt wird und einer, die auch ein Testlabor für relevante neue Technologien sein kann. Es ist im allgemeinen Kontext der Verbesserung von Beschleunigern durchaus gerechtfertigt, diese Entwicklung ähnlich zu sehen, wie die bahnbrechende Einführung von Mikrowellen in Hochenergie-Beschleunigern vor einigen Jahrzehnten.
Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung eines Studienprogramms: Ich möchte unserer Lehrstuhlinhaberin Katia Parodi helfen ein medizinisch-physikalisches Programm aufzubauen, das explizit die „Lasersache“ enthält. Neue Kurse können Studenten den Fortschritt in diesem Bereich näherbringen. Studenten der medizinischen Physik können etwas über Laseralternativen lernen und was im Moment in der Laser und Laser-Plasma Community passiert. Zu diesem Zweck habe ich einen neuen Kurs über ILDIAS (integrated laser-driven ion accelerator systems) gestartet. Vor einigen Jahren wären lasergetriebene Beschleuniger noch nicht Teil eines medizinphysikalischen Studiengangs gewesen und nun ist das möglich, was wiederum typisch für den Laser ist: er ist allgegenwärtig und kann alles beeinflussen.
Mein weiteres Interesse betrifft den Übergang über den  MAP Horizont und seine Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten hinaus. Ich interessiere mich für facettenreiche Strategien und neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft: wohin führt das alles? Wie nutzen wir die Einzigartigkeit des Lasers und was kann unsere bestmögliche Position dabei sein? In Zukunft, denke ich, werden wir Zugang zu lasergetriebenen Beamlines haben, die eine Menge einzigartiger Möglichkeiten für neue Programme und neue Denkweisen eröffnen. Diese Vision stimmt mit der globalen Beschleuniger-Geschichte überein, die fas ein ganzes Jahrhundert umfasst.

 

Was halten Sie für das Faszinierendste an der Physik?

Der faszinierendste Aspekt ist für mich, dass die Faszination nie aufgehört hat. Ich bin genauso begeistert, wahrscheinlich sogar mehr, als ich im Alter von 15 Jahren war. Ich habe diese Leidenschaft für Physik und neue Wissenschaften nie verloren. Ich denke nicht, dass es eine einzige Woche gegeben hat, in der ich nichts Neues gelernt habe oder von einem neuen Konzept oder einer neuen Technologie fasziniert war.
Ich denke das Faszinierendste ist, dass es eine nie endende herausfordernde Erkundung ist. Man ist ein beständiger Schüler des Universums und in diese Sinne sind wir für immer Kinder. Der Bestandteil Lernen ist für mich ein Nervenkitzel.
Ich sehe es als ausgesprochenes Glück in diesem Bereich zu arbeiten, ein Physiker zu sein. Die Einzigartigkeit dessen, was wir tun, besonders wenn wir beginnen Lasertechnologien mit anderen Technologien zu kombinieren, eröffnet Möglichkeiten, die einzig durch unsere Vorstellungskraft und unsere Energie beschränkt sind. Was für ein wundervoller Zustand.


Interview: Karolina Schneider
Fotos: Thorben Seggebrock